Review: Sequence Knitting von Cecelia Campochiaro

[Unbeauftragte Werbung, das Buch ist selbst gekauft.]

Sooooooooo, ich hatte euch ja versprochen, eine Rezension zu dem Buch „Sequence Knitting“ von Cecilia Campochiaro zu schreiben – nachdem ich Anfang Dezember bei einem Kurs von ihr war, der mich sehr begeistert hat. Ich habe mich nun endlich an dieses nicht ganz leichte Unterfangen gewagt, denn das Buch kann man nicht rezensieren, ohne zu erklären, was Sequence Knitting eigentlich ist. Daher wird diese Rezension wahrscheinlich episch lang – ich hoffe, ihr haltet durch.

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Cecelia hat hier eine ganz neue Art, Strickmuster zu „denken“ und zu systematisieren, zu Papier gebracht. Ich sage ungern „erfunden“, weil es im Strickbereich nicht wirklich etwas gibt, dass es nicht schon in irgendeiner Form irgendwo auf der Welt gibt oder gab (Elizabeth Zimmermann nimmt hier den schönen Begriff „unvent“ statt „invent“ und meint damit quasi das „ausgraben“ oder „wiederfinden“ einer Technik aus dem kulturellen Strickgedächtnis).

Cecelia ist die erste, die das „Sequence Knitting“ systematisiert und in Buchform allen zugänglich gemacht hat. Ihr Projekt ist ziemlich beeindruckend, denn sie hat sich jahrelang mit der Technik beschäftigt und gefühlt alle möglichen Sequenzen ausprobiert und Musterproben gestrickt. Daraus entstand ihr Buch. Aber beginnen wir am Anfang.

Was ist eigentlich Sequence Knitting?

Sequence Knitting ist im Grunde eine Systematik, Strickanleitungen zu „denken“ und zu arbeiten. Anders, als die meisten von uns es wahrscheinlich gewohnt sind, denkt man beim Sequence Knitting nicht in einzelnen Reihen, sondern in Sequenzen.

Eine Sequenz ist eine bestimmte Abfolge von Maschen, um ein simples Beispiel zu nehmen: 2re, 2li (eine Maschenfolge, die bei gerader Maschenzahl ein 2×2 Bündchenmuster ergibt).

„Traditionell“ würde eine Anleitung für ein Bündchen irgendwie in dieser Art geschrieben werden:

Reihe 1 (HR): *2 M re, 2 M li* von * bis * whdl. bis Reihenende

Reihe 2 (RR): *2 M re, 2 M li* von * bis * whdl. bis Reihenende

Alternativ würde eventuell Reihe 2 weggelassen und stattdessen geschrieben werden: Reihe 1 wdhl. bis das Bündchen xy Zentimeter hoch ist.

Dasselbe Muster im Sequence Knitting lautet hingegen so:

[2 M re, 2 M li]

Das wars. Die Sequenz im Sequence Knitting gibt die Maschenfolge an, die für das Strickstück stumpf wiederholt wird. Man strickt immer nur diese Sequenz, sie ist quasi die „Melodie“, die immer wieder wiederholt wird. Die Sequenzen in Cecelias Buch sind allesamt einfache rechts-links Muster, die nur über eine Reihe gehen. Sie sind daher sehr simpel und eignen sich super als „mindless knitting“, denn man muss sich nur eine simple Maschenreihenfolge merken.

So weit, so simpel. Faszinierend ist, dass sich mit dieser Methode und einfachen rechts-links Sequenzen nahezu unendlich viele interessante Texturen im Strickstück erschaffen lassen – je nachdem, wie die Sequenz wiederholt wird. Und hier wird es richtig spannend. Jede Sequenz lässt sich nämlich, logischerweise, über unterschiedliche Maschenanzahlen stricken – was das Ergebnis immer anders aussehen lässt. Ich versuche hier, euch das am Beispiel der Sequenz deutlich zu machen, die wir im Kurs behandelt haben: [3 M re, 3 M li]

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Diese Sequenz geht über sechs Maschen. Als erfahrene Stricker*innen sehen wir sofort, dass diese Sequenz gestrickt über ein Vielfaches von 6 (also 12, 18, 24 usw.) ein 3×3 Rippenmuster ergibt. Spannend wird es, wenn ich  mehr oder weniger Maschen anschlage, als eben jenes Vielfache von 6, so dass die Sequenz in einer Reihe nicht aufgeht.

Bei meinem Probeläppchen bin ich mit 30 Maschen gestartet und habe alle 12 Reihen eine Masche abgenommen, die Sequenz aber immer beibehalten. Ich habe jede Reihe stumpf mit 3 M re begonnen, egal wie die Sequenz in der Vorreihe geendet ist (da sie ja bei einer Maschenanzahl, die nicht durch 6 teilbar ist, zwangsläufig nicht mehr aufgeht, bei 29 Maschen endet man beispielsweise mit 2 M li anstatt 3 M li).

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Ist es nicht faszinierend, wie sich die Textur durch diese einfache Technik verändert? Mit einer simplen 6-maschigen Sequenz kann man, je nachdem wie viele Maschen man anschlägt, so unterschiedliche Stoffe „erschaffen“.

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Es gibt noch mehr Methoden, die 1-Reihen-Sequenz in einem Strickstück zu stricken, aber ich möchte an dieser Stelle nicht alle „Geheimnisse“ von Cecilias Buch verraten. Wer mehr wissen möchte, sollte sich unbedingt das Buch anschaffen!

Der Inhalt des Buches

Das Buch „Sequence Knitting“ ist mit seinem Preis von 59 Euro wahrschlich kein Schnäppchen, aber ich finde, dieses Werk ist jeden Cent mehr als wert. Auf 375 Seiten (im Hardcover!) erfährt man hier alles, was man über 1-Reihen-Sequencen wissen kann. Man merkt der Autorin ihren naturwissenschaftlichen Hintergrund an (sie hat einen „tech job“ im Silikon Valley!), denn sie geht das Thema unheimlich systematisch und sortiert an.

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Im ersten Kapitel des Buches erklärt Cecelia, was „Sequence Knitting“ ist, führt in die Systematik ein und erklärt kurz die verschiedenen Methoden und wichtige Parameter. Diese Erläuterungen sind aus meiner Sicht sehr klar und verständlich geschrieben, ihr logischer Aufbau ist nachvollziehbar und man wird als Leser sehr gut an die Hand genommen.

Sehr hilfreich und gut gemacht ist die „Untermalung“ der Theorie mit Fotos von gestrickten Sequenzen – hier sieht man die Theorie umgesetzt in gestricktem Stoff, was sehr dabei hilft, zu verstehen, was mit dieser Technik alles möglich ist (vor allem, da man sich anhand der geschriebenen Sequenz das gestrickte Resultat oft nur sehr schwer vorstellen kann).

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Die folgenden Kapitel zwei bis fünf widmen sich jeweils ausführlich einer der möglichen Methoden, Sequenzen zu stricken (eine davon ist zum Beispiel das Stricken von Sequenzen in Runden). Hier kommt die Wissenschaftlerin in Cecelia durch, denn jedes dieser Kapitel startet mit einem kleinen theoretischen Teil über Struktur und Logik der jeweiligen Methode. Das ist vielleicht nicht jedermanns Sache, aber ich bin ja im Grunde meines Herzens auch ein sehr systematischer und theoretischer Mensch und fand es sehr spannend, mal so analytisch an das sehr kreative Stricken heranzugehen.

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In jedem dieser „Technik-Kapitel“ gibt es einige Anleitungen für komplette Projekte. Diese sind von der Form her oft simple gerade Schals, denn beim „Sequence Knitting“ ist die Textur des Stoffes der „Star“, nicht die Form des Designs. Neben den Anleitungen finden sich auch immer wieder gestrickte Maschenproben verschiedener Sequenzen, die die schier endlosen Möglichkeiten dieser Technik aufzeigen. Und wenn man denkt, einfarbig gestrickte Sequenzen sind der Knaller, sieht man zweifarbige Beispiele und ist auf ein Neues fasziniert, was mit so simplen Musterfolgen alles möglich ist.

Gerade die zweifarbigen Beispiele haben mir im Workshop noch einmal die Augen geöffnet, was für einen großen optischen Unterschied es machen kann, eine Maschenfolge (= Sequenz) über eine Maschenfolge mehr oder weniger zu stricken (und da war ich im Kurs nicht die einzige, der es so ging).

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Durch die vielen vielen gestrickten Beispiele unterschiedlicher Sequenzen ist das Buch ein wertvolles Nachschlagewerk und ein wahrer Quell der Inspiration. Die Fotos sind gut, das Strickstück und dessen Textur klar erkennbar. Viele Sequenzen werden, wo es Sinn macht, unifarben und zweifarbig gestrickt abgebildet, was mir, wie eben angedeutet, ausgesprochen gut gefällt, da die Muster meistens total anders wirken, wenn eine zweite Farbe ins Spiel kommt.

Sehr gut gefallen hat mir auch, dass sich die Autorin in Kapitel 5 auch Designs widmet, die durch Zu- und/oder Abnahmen geformt werden – denn wer will schon die ganze Zeit einfache rechteckige Schals stricken. In diesem Kapitel widmet sie sich Dreiecken und Parallelogrammen und zeigt so, wie man die Sequence Knitting Methode auch für unsere allseits geliebten Dreieckstücher anwenden kann.

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Kapitel 6 „Design Considerations“ widmet sich zum Abschluss des Buches noch ein paar Fragen zur Garn- und Farbwahl. Cecelia erklärt hier kurz und knapp, welche Auswirkungen die Garnauswahl auf des fertige Strickstück hat, wie man beim Sequence Knitting geschickt unterschiedliche Materialien oder Farben kombiniert. Das klingt jetzt erst mal unspektakulär, aber auch an dieses Thema geht die Autorin sehr systematisch und wissenschaftlich heran, so dass ich in diesem kurzen Kapitel noch einiges Neues gelernt habe, zum Beispiel das Kombinieren von Farben nach ihrem Farbwert (dafür muss man sich die Farben auf einem schwarz-weiß Foto anschauen).

Fazit

Ich bin mir nicht sicher, ob ich mit dieser Rezension dem Buch auch nur ansatzweise gerecht werden konnte. Ich hoffe, ich konnte zumindest euer Interesse am Sequence Knitting wecken. Für mich war dieses Buch jedenfalls eine Augen öffnende Entdeckung, die mir einen völlig neuen Zugang zu unserem Hobby eröffnet hat.

In 2019 werde ich auf alle Fälle ein wenig mit der Sequence Knitting Methode spielen. Ich kann dieses Buch allen empfehlen, die sich einmal vertieft mit einer völlig neuen Herangehensweise ans Stricken beschäftigen wollen. Hier bekommt man tausende Ideen für spannende Texturen an die Hand, die man für eigene Strickstücke umsetzen kann. Unter diesem Aspekt kann ich dieses Buch vor allem meinen Strickdesign-Kolleginnen nur ans Herz legen.

Für mich ist dieses Buch ein must have in jedem gut sortierten Stricker*innen-Bücherregal. Der einzige Wehrmutstropfen ist, dass es das Buch bisher nur auf Englisch gibt. Ich finde die Texte aber recht einfach gehalten, und für die Sequenzen selbst muss man außer k (knit = rechte Masche) und p (purl = linke Masche) keine englischen Begriffe kennen. Traut euch!

Auf einen Blick:

Titel: Sequence Knitting. Simple Methods for Creating Complex Reversible Fabrics.

Autorin: Cecelia Campochiaro

Verlag: Chroma Opaci

Preis: 59€

(after use, please put it backin its proper place)

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ich habe mir das Buch gerade eben bestellt. Du hast mich mächtig angefixt. Ich denke das Buch wird eine tolle Inspiration für neue Designs bringen. Danke dir dafür!

    1. Das freut mich sehr, ich finde es wirklich großartig! Viel Spaß damit!

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