Review: Gedichte Geschichten mit Nadel und Faden

Copyright Titelfoto: Susanne Schnatmeyer

[Werbung. Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar kosten- und bedingungslos zur Verfügung gestellt. Der Beitrag enthält Amazon Affiliate Links]

Heute habe ich mal eine etwas andere Rezension für euch. Diesmal habe ich kein Anleitungs- oder (Strick-/Näh-)Technikbuch für euch, sondern so richtig echte Literatur. Aber keine Angst, es hat trotzdem etwas mit Handarbeiten zu tun, so ist es nicht.

Die Rede ist von dem wunderschönen Büchlein „Gedichte Geschichten mit Nadel und Faden“ [Amazon Affiliate Link] von Susanne Schnatmeyer, die einige von euch vielleicht schon als „Textile Geschichten“ von ihrem Blog kennen. Susanne ist nicht nur begeisterte Handarbeiterin, sondern interessiert sich auch sehr für die (Kultur)geschichte dahinter. Und sie hat dazu eine Menge spannender Geschichten zu erzählen. Auf ihrem Blog erforscht sie zum Beispiel die Bedeutung der typisch napoleonischen Handhaltung (ihr wisst schon: die Hand in der Weste) oder geht textilen Redewendungen auf den Grund. Für alle, die ähnliche Geschichts-Freaks sind wie ich, ist ihr Blog wirklich eine eindeutige Leseempfehlung.

Rezension Naehgeschichten 3
Foto: Susanne Schnatmeyer

Vor kurzem hat Susanne nun das Buch „Gedichte Geschichten mit Nadel und Faden“ [Amazon Affiliate Link] im Selbstverlag herausgebracht (dazu später mehr). Das Buch ist eine Sammlung von literarischen Fundstellen, die allesamt etwas mit textilem Handwerk zu tun haben – Arbeit mit Nadel und Faden eben. In den 57 abgedruckten Gedichten und Auszügen aus längeren Texten wie Romanen geht es ums Nähen, Stricken, Sticken und Weben.

Nicht immer steht das Handwerk dabei im Vordergrund, aber es ist schon erstaunlich, in welchen Werken überall mit Nadel und Faden gearbeitet wird. Das ist mir früher in der Schule, wo wir einen Klassiker nach dem anderen gelesen haben, nie so aufgefallen. Tatsächlich habe ich in der Sammlung einige Ausschnitte aus Werken gefunden, die ich als Schülerin gelesen habe – nicht nur in der Schule.

Rezension Naehgeschichten 5
Foto: Susanne Schnatmeyer

Ich habe den Trotzkopf [Amazon Affiliate Link] wiedergetroffen, der aus Ungeduld unter dem Gespött der Mitschülerinnen und der Pensionats-Vorsteherin am Stricken Stricken eines Strumpfes verzweifelt und das Strickzeug schließlich frustriert gegen die Wand pfeffert (ein Skandal!). Auch das von mir als Kind dutzendfach gelesene Nesthäkchen [Amazon Affiliate Link] kommt vor, für das Stricken auch nicht gerade die liebste Beschäftigung ist, das sich oft von der Oma helfen lässt und im umstrittenen (und lange in Deutschland auf den Zensurlisten stehende) Band „Nesthäkchen und der Weltkrieg“ im Schweiße seines Angesichts Socken für die „Vaterlandsverteidiger“ strickt. Unter der Überschrift „Bügerlicher Zeitvertreib“ ist dieser Unwille von Mädchen, dem von ihnen erwarteten Rollenbild der sanft vor sich hinstickenden (oder strickenden) Frau zu erfüllen, ein durchgängiges Thema. Auch Effi Briest [Amazon Affiliate Link] tobt lieber mit Freundinnen durch den Garten anstatt fleißig an ihrem Stickrahmen zu werkeln.

 

Die Ausschnitte aus dem Buch sind in Kapitel geordnet, die alle ein übergeordnetes Thema haben. Neben dem „Bürgerlichen Zeitvertreib“ der eher höheren Klassen gibt es auch Beispiele für Handarbeiten als „Schwere Arbeit“ oder „Notwendige Arbeit“. Damit zeigt diese Sammlung einfach nur durch die Textstellen, ohne begleitende, einordnende Texte der Autorin, ein wenig von der Kulturgeschichte und auch der Wahrnehmung der Handarbeiten aus verschiedenen Perspektiven.

Spannend fand ich das Kapitel „Männerblicke“, in dem Textstellen versammelt sind, die die männliche Perspektive auf die „weibliche“ Arbeit zeigen. So urteilt Ehemann Helmer über das Stricken:

„Das Stricken hingegen, – das kann nur unschön sein. Sehen Sie hier: die zusammengeklemmten Arme, – die Stricknadeln, die auf und ab fahren, – das hat so was Chinesisches an sich.“

Er bevorzugt das Sticken als elegantere Alternative der weiblichen Betätigung.

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Foto: Susanne Schnatmeyer

Neben dem Handarbeiten als revolutionäre Arbeit (Charles Dickens beschreibt in seinem Roman „A Tale of Two Cities die französischen Tricoteusen (Strickerinnen), die als Frauengruppe an den Revolutionsausschüssen beteiligt waren und angeblich bei Hinrichtungen an der Guillotine gestrickt haben) kommt auch der Humor nicht zu kurz. Hier finden sich Gedichte von Joachim Ringelnatz, Wilhelm Busch oder Christian Morgenstern. Witzig fand ich hier das „Huldgedicht an Singer“ (die Nähmaschinenfirma) von Paul van Ostaijen, in dem es überspitzt heißt „alle Menschen sind gleich vor Singer“ und „wir fordern eine Singer, was wir wollen ist unser Recht“.

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Foto: Susanne Schnatmeyer

Ihr seht, ich bin ziemlich begeistert. Meiner Meinung nach ist das Buch das ideale Geschenk für alle Handarbeitsbegeisterten, die sich auch ein wenig für Literatur oder Geschichte interessieren. Ich habe darin mit Vergnügen geschmökert und es tatsächlich in einem Rutsch von vorne bis hinten durchgelesen.

Was ich noch betonen möchte, ist dass sich die Autorin Susanne Schnatmeyer mit Constanze Derham (deren Buch zum Patchworken ich HIER rezensiert habe und die auch schon Gast im Frickeltalk war: KLICK) zusammen getan haben, um einen eigenen Verlag zu gründen, der sich auf Bücher mit textilen Bezügen spezialisiert haben: Schnatmeyer & Derham. Ihr Fokus liegt dabei nicht nur auf gut gestalteten und hochwertigen Büchern (die allesamt in Deutschland gedruckt werden), sondern vor allem auch auf fairen Bedingungen für AutorInnen und andere an der Buchproduktion beteiligte. Eine sehr unterstützenswerte Idee, wie ich finde. Schaut mal im kleinen aber feinen Sortiment der beiden vorbei. Da finden sich unter anderem zwei Geschenkbüchlein mit gesammelten Redensarten und Sprichwörtern Rund um Textilien („Verfilxt & Zugenäht[Amazon Affiliate Link] sowie „Am Rockzipfel[Amazon Affiliate Link]).

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Foto: Susanne Schnatmeyer

Wer also noch ein besonderes Weihnachtsgeschenk für Handarbeitsenthusiasten sucht oder sich selbst ein kleines Geschenk machen möchte, sollte sich „Gedichte Geschichten mit Nadeln und Faden“ mal genauer ansehen. Viel Spaß beim Schmökern!

Überblick

Titel: Gedichte Geschichten mit Nadeln und Faden [Amazon Affiliate Link]

Autorin: Susanne Schnatmeyer

Verlag: Schnatmeyer & Derham

Preis: 18€ (D)

Danke an Susanne Schnatmeyer für das zur Verfügungstellen der Fotos für diesen Beitrag!

(after use, please put it backin its proper place)

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Selber stricken (1)

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Bine sagt:

    Liebe Steffi,

    das hört sich wirklich toll an, vielen Dank fürs Vorstellen! Literatur ist ja meine zweite große Leidenschaft neben dem Nadelgeklapper, von daher scheint das Buch wirklich perfekt für mich :) Gut, dass Weihnachten bald kommt ;) Und bei dem Verlag schau ich auch mal vorbei, das Projekt hört sich sehr spannend an :)
    Liebe Grüße
    Bine

    1. Liebe Bine,

      Ja, wenn Du Literatur liebst hast Du an dem Buch bestimmt genauso viel Freude wie ich.
      Und das Verlagsprojekt der beiden finde ich fantastisch und unterstützenswert.

      Liebe Grüße
      Steffi

  2. Suschna sagt:

    Es freut mich sehr, dass du die Schilderungen auch gern gelesen hast. Ich hätte nie gedacht, wie viel man findet, wenn man erst einmal anfängt, die Augen aufzuhalten!
    Danke auch für den Hinweis auf unser noch kleines Verlagsprojekt. In den Nischen braucht man hin und wieder einen kleinen Scheinwerfer 🙂

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