Leseecke: Eine Zeitreise zu den Shetland-Inseln

Heute möchte ich euch ein Buch vorstellen, das mich schon begeistert hat, bevor es überhaupt erschienen ist. Ich gebe es zu: Ich bin ein glühender Schottland-Fan (und das, ohne jemals dagewesen zu sein – es ist einfach irgendwie mein Sehnsuchtsland, und ich liebe den schottischen Dialekt). Deswegen war ich auch sehr aufgeregt, als ich im KnitBritish Podcast von der lieben Louise gehört habe, dass Kate Davies an einem neuen Projekt arbeitet: dem „Book of Haps“.

Wisst ihr, was Haps sind? Ich weiß es auch erst, seitdem ich in einer gewaltigen Binge-listening Aktion alle Folgen des KnitBritish Podcasts in einer Woche gehört habe. Moderatorin des Podcasts, Lousie, kommt von den Shetland-Inseln und ist sehr mit der dortigen Geschichte verbunden. Die meisten Strickerinnen werden die Shetlands wohl mit den bunten Fair Isle Mustern verbinden – die Insel Fair Isle, die zu den Shetland-Inseln gehört, hat dieser Technik ihren Namen verlieren. Doch Shetland hat noch eine andere Tradition – eben jene Haps.

Haps, das sind traditionell viereckige (quadratische) Tücher, die von den Frauen auf den Shetlands gestrickt wurden und in Zeiten vor Goretex-Funktionskleidung ihre Trägerinnen vor Wind und Wetter und Kälte schützen. Haps sind daher meist auch sehr groß, damit man sich darin schön einmummeln kann. Es gibt mehrere traditionelle Tragevarianten- zum Dreieck gefaltet und um die Schultern gelegt und vor dem Körper gebunden, als Kopftuch… Die traditionellen Haps wurden nur in natürlichen Wolltönen gestrickt und haben eine sehr interessante Grundkonstruktion. Was ein echter Hap sein will, besteht immer aus drei Bestandteilen: lace edging, border und center. Während der äußere Rand traditionell aus einem Lacemuster besteht, können die „borders“ fabige Streifen, ein Wellen- oder ein anderes Muster haben, während der Innenteil – ein großes Quadrat – meist einfach kraus rechts (riggies wie man auf den Shetlands sagt) gestrickt ist.

Der Clou ist: Die ursprüngliche Art, einen Hap zu stricken, ist von außen nach innen! Man schlug also erst wenige Maschen an und strickte so einen ganz langen Streifen, den Lacerand. Aus dem wurden dann Maschen aufgenommen und die Border-Teile gestrickt – meist in zwei oder vier Teilen, die dann zusammengenäht wurden. Dann wurde daran der Innenteil gestrickt.

Neben dem eher „einfachen“ Alltagshap gibt es auch noch die sogenannten Fancy Haps – Haps, die nach dem selben Konstruktionsprinzip gestrickt werden, aber aufwändigere Lacemuster enthalten, auch im Innenteil. Die wurden zu feierlichen Gelegenheiten getragen oder dienten zum Beispiel als Decken für Babys.

Die Shetlands waren einmal für die Haps so berühmt, dass viele einheimische Frauen ihr Geld damit verdienten, Haps für wohlhabende Damen auf der britischen Insel zu stricken. Auf Postkarten fand man auch oft Darstellungen von einheimischen Frauen, die in einen Hap gehüllt einen Korb mit Torf auf dem Rücken tragen – oder ähnlich romantisierende Bilder.

Ihr seht schon, ich komme ins erzählen, obwohl ich eigentlich gar nicht so viel zu Haps an sich sagen wollte. Denn dafür gibt es ja jetzt Kate Davies „The Book of Haps“. Ich brauche es wahrscheinlich gar nicht mehr sagen: Das Buch hat mich sehr begeistert. Es ist so viel mehr als nur ein Buch mit Anleitungen für Tücher. Kate hat es geschafft, sehr viele Menschen zusammenzubringen, die genauso sehr mit der Tradition des Haps verbunden sind, wie sie. Das Buch startet mit sechs wirklich sehr gut geschriebenen und recherchierten Essays über die Geschichte und Traditionen des Haps. Das macht Kates Werk zu einer wirklichen Goldgrube für alle, die sich auch nur ein bisschen für die Geschichte des strickend interessieren.

Kate und die anderen Autorinnen geben einen wirklich lesenswerten Überblick über Shetlands Hap Tradition – neben den Texten gibt es auch sehr viele historische Fotos und Abbildungen zu sehen. Ich persönlich fand dieses Intro zu dem Buch wirklich sehr gelungen. Man merkt den Texten an, dass die meisten Autorinnen selbst persönliche Beziehungen zu Haps haben – und sei es, dass sie als Baby in einen Hap gewickelt wurden, der schon ihre Großmutter wärmte.

Nach dem Essay-Teil gibt es in dem Buch noch dreizehn Anleitungen für Haps – von klassisch konstruiert, wie Kates Moder Dy, bis zu modern inspiriert, wie zum Beispiel einige dreieckige Haps, etwa von Lucy Hague. Zu jedem Tuch beschreibt die Designerin (und ein Designer), was sie zu ihrem Hap inspiriert hat.

Für mich ist das Buch schon allein durch den Essay-Teil absolut kaufenswert! Aber auch die Anleitungen sind toll. Ich habe zwar noch keine nachgestrickt, aber schon Wolle für zwei Haps geordert (ich werde mich am Hexa Hap und am Uncia versuchen). Ich konnte nicht anders. Auch den Moder Dy will ich unbedingt stricken – der folgt der klassischen „von außen nach innen“ Konstruktion. Das finde ich sehr spannend.

Das Buch gibt es als Printausgabe bei Kate Davies im Shop. Mit jeder gedruckten Ausgabe bekommt man einen Code für die digitale Ausgabe, die man sich dann auf ravelry runterladen kann. Man kann auch nur die digitale Ausgabe auf ravelry erwerben – aber das empfiehlt sich aus meiner Sicht nur, wenn man wirklich nur die Anleitungen stricken möchte und sich für den Rest nicht interessiert. Für mich ist das Buch mehr als „nur“ ein Anleitungsbuch. Ich habe es in den wenigen Tagen, die es nun in meinem Besitz ist, schon mehrfach zum Schmökern in die Hand genommen, habe mir immer wieder die Fotos angeschaut oder noch mal einen Teil eines Essays gelesen. Und 19,99 britische Pfund für Print und digitale Ausgabe(plus Porto nach Deutschland) finde ich einen sehr angemessenen Preis. Und noch ein Hinweis: Kate verkauft auch Strickkits für der der Buch gezeigten Modelle. Nur so als Info 😉

Ich hoffe, ich konnte euch ein bisschen neugierig machen! Noch ein interessanter Fakt zum Schluss: „Hap“ war  ursprünglich ein Verb in einigen (nord)englischen Dialekten und bedeutete so viel wie „schützen“, „einhüllen“oder „wärmen“. Ein perfekter Name für diese Tücher!

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