Leseecke: Glückswerk – Weil man jeden Trend mitmachen muss

Ich gebe es zu, ich bin nicht ganz unbefangen. Seit der DIY-Trend heftigst Fahrt aufnimmt, sprießen die dazu passenden bunten, hippen Zeitschriften für den gemeinen Trend-Hipster nur so aus dem Boden. Mit solchem Trend-Kram hab ich wenig am Hut und bin da grundsätzlich schon skeptisch. Auf den anderen Seite wäre ich wirklich glücklich über eine ordentlich gemachte Zeitschrift, die nicht monothematisch auf ein „Handwerk“ konzentriert ist, mich inspiriert UND auch noch gut geschriebene und interessante Artikel liefert – denn ganz ehrlich, viele Strickzeitschriften haben zwar die ein oder andere nette Anleitung, aber das, was da noch nebenbei als „redaktioneller Inhalt“ verkauft wird, ist größtenteils eine Frechheit!

Mit diesem tief sitzenden Vorbehalt ausgestattet war dann aber doch meine Neugier geweckt, als ich Anfang Oktober mit dem Lieblingsmenschen (und Lieblingsfrickler!) auf der Maker Faire in Berlin unterwegs war und auf einen kleinen Stand eines neuen Magazins am DIY-Himmel stieß: Glückswerk heißt der papiergewordene Traum aller Selbermacher aus dem Hause falkmedia und steht unter dem Motto „Schönes selbermachen“. Der Stand hätte ich mich schon misstrauisch machen sollen. Am 16. Oktober sollte die erste Ausgabe des Magazins erscheinen (wir schrieben den 3. Oktober). Gerade einmal ein Ansichtsexemplar war am Stand verfügbar – das natürlich stark umkämpft war, weshalb ich nur einmal oberflächlich durchblättern konnte.

Ich sah auf den ersten Blick viele wirklich schön gemachte Fotos. Das spricht mich ja schon immer sehr an. Auch gab es einen Artikel über Chalk Paint – Farbe, mit der man Möbel (und anscheinend alles außer glattes Plastik) in shabby chic Einzelstücke verwandeln kann. Insgesamt schien das thematische Spektrum dieser Maker-Zeitschrift sehr vielfältig zu sein. Deshalb wollte ich ihr eine Chance geben. Und überhörte auch meine Alarmglocken, die eigentlich hätten schrillen sollen, als die Chefredakteurin – höchstselbst am Messestand anwesend – einem Interessierten erklärte, sie selbst sei bis vor kurzen „Schlagerreporterin“ gewesen. Nun können Schlagerreporter ja auch begeisterte Selbermacher sein…

Da ich mir nicht sicher war, ob ich das Heft in Bonn in einem Zeitschriftenladen auftreiben könnte, habe ich es mir sicherheitshalber im Internet bestellt. Das Heft kostet 6,99€ und die Lieferung war kostenlos, was ich sehr fair fand. Nicht sehr fair war allerdings die Lieferzeit! Wir erinnern uns: Am 16. Oktober war das gedruckte Heft in Zeitschriftenläden käuflich zu erwerben. In meinem Briefkasten tauchte es am 22. Oktober auf – fast eine Woche nach Erscheinen! Das finde ich mehr als unglücklich. Das allein wäre für mich schon ein Grund, dieses Heft zumindest nicht zu abonnieren.

Nun gut, ich hatte sehnsüchtig darauf gewartet und habe mich gleich mit einer Tasse Tee zur ausgiebigen Testlektüre zurückgezogen.

Was soll ich sagen: Ich bin mehr als enttäuscht! Glückswerk ist eine DIY-Zeitschrift wie jede andere und in keinster Weise kreativ. Der größte Teil der Themen ist absolut erwartbar – und zum Teil Monate „zu spät“. Wer fällt uns beim Thema „trendiges Mainstream-Handarbeiten“ ein? Genau, die MyBoshi Jungs. Über die gibt es einen Artikel als seien die bunten Boshis und die Häkel-Omis eine völlig neue Geschichte. Natürlich sind auch Enie van de Meiklokjes und Guido Maria Kretschmer in Interviews vertreten. Gähn! Ganz absurd wird es, wenn Enie im Interview über die Wichtigkeit von festem Schuhwerk beim Handwerken spricht und dann auf einem Foto mit Mega-High Heels vor einer Werkbank steht. Getoppt wird das dann noch von dem Kommentar der Autorin: „(…) uns war bisher auch nicht bekannt, dass Arbeitsschuhe mit derartig hohen Absätzen geliefert werden.“ Haha!

Die Zeitschrift zeigt ein paar gute Ansätze. Es werden zum Beispiel BloggerInnen porträtiert, die über ihre DIY-Projekte bloggen. So etwas finde ich prinzipiell spannend. Und viel spannender als diese ausgelutschten „prominenten“ Bastler! Aber auch bei den an sich interessanten Themen zeigt das Gückswerk deutliche Schwächen in der journalistischen Umsetzung. Nahezu jeder dieser porträtierenden Artikel folgt dem gleichen Aufbau: Am Anfang werden immer ein zwei Sätze über die Umgebung gesagt, in der die Person, um die es gleich gehen wird, wohnt. Das ist fast schon zwanghaft. Und was uns in dieser Umgebung so alles begegnet. „Prächtige Eichen“, „nostalgisches Kopfsteinpflaster“, „klare Linien“, etc. etc. Um mal mit dem großen Marcel Reich-Ranicki zu sprechen: Es interessiert mich überhaupt nicht, wo und wie diese Leute leben und ob nun Eichen oder Linden vor ihrem Haus stehen!

Überhaupt ist es so, als sei eine ganze Phrasenkiste über dieser Zeitschrift ausgeschüttet worden. Da sind die Werke immer „charmant“, noch nicht mit DIY-Produkten überzogene Bereiche der Wohnung sind „Sorgenkinder“ und überhaupt alles, was mensch so selber macht, ist ein Glückswerk (ernsthaft: diese pfiffigen Macher haben den Zeitschriftentitel in fast jeden Artikel reingeschmuggelt!).

Ich habe die Vermutung, dass fast der gesamte redaktionelle Inhalt dieser Zeitschrift aus einer Feder kommt, nämlich der Feder der Chefredakteurin. Sie taucht auch wahnsinnig oft als Ich-Protagonistin auf und übermittelt einem ihre persönlichen Eindrücke – etwa in einem Heißklebepistolen-Test oder beim Probestempeln mit der Embossing-Technik.

So ein ganzes Heft, das immerhin fast 150 Seiten hat, mit Inhalt zu füllen, ist schon eine Herausforderung. Vor allem, wenn man alles selber schreiben muss. Das ist glaube ich der Grund für einen anderen großen Kritikpunkt an der Glückswerk-Ausgabe: Die Texte sind lieblos hingerotzt und unheimlich schlecht redigiert! Das ganze Heft strotzt nur so von Rechtschreibfehlern und falscher Zeichensetzung. Sätze dürfen ruhig mit Punkten enden: Auch wenn sie unter einem Bild oder als letzter Satz in einem Teaser stehen. Diese Lieblosigkeit hat mich wirklich geärgert!

Mein Fazit: Das ist meine erste und letzte Ausgabe dieser Zeitschrift. Sie bietet auch nicht mehr als das, was schon auf dem Markt ist und mich genauso wenig interessiert. Für mich ist und bleibt da eine Marktlücke: Maker-Inhalte die wirklich journalistische Qualität haben, mal wirklich Neues bringen und auf Papier gedruckt sind (ich liebe Blogs, aber so eine schöne Hochglanzzeitschrift mit vielen tollen Fotos ist schon noch mal was anderes). Wenn jemand von euch einen Tipp hat, nur her damit. Die Hoffnung stirbt zuletzt!

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